Im "Tannbüel" bei Bargen befindet sich eines der bedeutendsten und bekanntesten Naturschutzgebiete des Randens. Jedes Jahr besuchen Hunderte von Naturfreunden das Gebiet, um im Mai und Juni die blühenden "Frauenschüeli" zu erleben. Der "Tannbüel" gehört tatsächlich zu den interessantesten Standorten unserer Region und hat noch wesentlich mehr zu bieten als den Frauenschuh.
2. Der Stadtwald im nördlichsten Revier der Schweiz
Etwa im Jahr 1376 erwarb das Spital "Zum Heiligen Geist" erste Ländereien in Bargen. Konsequent wurden diese Erwerbungen ausgeweitet. Die Stadt Schaffhausen als Rechtsnachfolgerin des Spitals hat im Laufe der Zeit den Besitz abgerundet und grössere Flächen dazugekauft. Heute besitzt Schaffhausen in der nördlichsten Gemeinde des Kantons rund 340 Hektaren Wald sowie 24 Hektaren Landwirtschaftsland mit dem Pachtgut in Oberbargen. Das Schutzgebiet "Tannbüel" ist Teil dieses Grundbesitzes.
3. Ein Schutzgebiet entsteht
Geologisch gehört der grösste Teil des Randens zum Tafeljura. Die Umgebung Bargens wird deshalb massgeblich durch Sedimente des Weissen Jura (Malm) geprägt, welche teilweise durch tertiäre Ablagerungen überdeckt sind.
Im Gebiet des "Tannbüels" entstand so ein Mosaik verschiedener Ablagerungen aus Jura und Tertiär. Im Zentrum des Schutzgebietes dominieren kalkreiche Mergel der oberen Süsswassermolasse. Über Jahrhunderte sind diese Böden landwirtschaftlich genutzt worden. Auf der sogenannten "Peyer-Karte" (1683) ist die gesamte Hochfläche unbewaldet. Die "Dufour-Karte" (1848) dokumentiert Waldbestockung ausschliesslich an den steilsten trockenen Südhängen. Als Folge der sehr extensiven landwirtschaftlichen Nutzung und der besonderen Standortsverhältnisse mit zum Teil dichten, wechseltrockenen und nährstoffarmen Kalkböden konnte im "Tannbüel" eine Vielzahl seltener Pflanzen aus verschiedenen Klimaphasen gedeihen und überleben.
In den Jahren 1897 bis 1907 ist ein Teil der ehemaligen Wiesen und Äcker aufgeforstet worden. Weitere Flächen sind durch natürliche Wiederbewaldung eingewachsen. Die besonderen Standortsbedingungen und mangelhafte Pflanzenherkünfte begünstigten die Entstehung interessanter, artenreicher Pionierwaldgesellschaften mit zahlreichen seltenen und bedrohten Arten. Auf den ausgelaugten ehemaligen Landwirtschaftsböden entwickelte sich der Wald mit Föhren und Fichten zudem sehr langsam und lückig. Damit war eine wesentliche Voraussetzung für das Wachstum und die Erhaltung seltener Arten der Kraut- und Strauchschicht gegeben. Hinzu kommt, dass im "Tannbüel" vielseitige Strukturen mit Magerwiesen, Gebüschbeständen, verzahnten Waldrändern und Lesesteinhaufen vorhanden sind.
Der naturschützerische und biologische Wert des Gebietes wurde bereits sehr früh vom damaligen Stadtforstmeister Frank Schädelin erkannt. Im Jahr 1961 stellten Stadt und Kanton den "Tannbüel" unter Naturschutz.
Stadtforstmeister Rolf Fehr hat die Pflegearbeiten konsequent weitergeführt und namentlich umfassende wissenschaftliche Grundlagen erarbeiten lassen. Seit 1979 liegt ein detailliertes Schutzgebietskonzept vor, seit 1998 ist der "Tannbüel" im kantonalen Inventar von Schutzzonen im Wald enthalten.
4. Grossen Artenvielfalt im "Tannbüel"
Die grosse "Leitpflanzenart" im "Tannbüel" ist zweifellos der Frauenschuh. Davon blühen Hunderte im engeren Schutzgebiet. Der Frauenschuh ist es denn auch, der jedes Jahr ungezählte Besucher aus der ganzen Schweiz und aus Süddeutschland anlockt. Daneben sind es zahlreiche andere Arten, welche zur Artenvielfalt beitragen. Nachfolgend sind die wichtigsten und interessantesten aufgeführt:
Der Strukturreichtum im "Tannbüel" sorgt auch dafür, dass zahlreiche Strauch- und Baumarten auf kleinster Fläche vorkommen. So gedeihen z.B. im Schutzgebiet die beiden Sorbus-Arten Mehlbeere und Elsbeere sowie eine bemerkenswerte Population von Wildobst-Bäumen.
5. Pflegearbeiten
Das Schutzgebiet würde ohne stetige gezielte Pflege rasch an Wert verlieren. Ohne starke forstliche Eingriffe würden sich die aktuellen Pionierwaldgesellschaften weiterentwickeln und zum Verschwinden vieler seltener Pionierarten führen. Namentlich würden auch lichtliebende Arten in einem Buchen- oder Fichtenwald unweigerlich verdrängt. Die strukturreichen Waldsäume mit der engen Verzahnung Wiese/Wald würden zuwachsen und intensiv genutzte Wiesen botanisch verarmen. Basierend auf einem detaillierten Schutzgebietskonzept werden konkrete Pflegemassnahmen geplant und umgesetzt. Dazu gehören u.a.:
- Arten- und Lichtregulierung durch gezielte Durchforstungen
- Entfernen unerwünschter Konkurrenzbäume (z.B. Fichte und Buche, Liguster etc.)
- Extensive Nutzung ungedüngter Wiesen
- Hecken- und Waldrandpflege
Solche Massnahmen werden ergänzt durch gezielte Besucherlenkung und Besucherinformation, Grundlagenforschung in verschiedensten Teilbereichen, Ausscheiden forstlicher Pufferzonen, Extensivierung angrenzender Landwirtschaftsflächen usw.
Diese Pflegearbeiten sind sehr arbeitsintensiv und kosten Geld. Es darf aller-dings festgestellt werden, dass in den letzten Jahren erhebliche Geldmittel vom Bund, vom Kanton, von der Stadt Schaffhausen und von der KURA in das Schutzgebiet "Tannbüel" geflossen sind. Zumindest für die nächsten 3 Jahre sind die nötigen finanziellen Mittel wiederum gesichert. Immerhin ist festzuhal-ten, dass sich die Stadt Schaffhausen als Grundeigentümerin stark für das Schutzgebiet engagiert und der Forstverwaltung die nötigen personellen und finanziellen Mittel zur Verfügung stellt.
6. Literaturhinweise
- Hans Walter (1979) "Der Randen, die besondere Flora einer schützenswerten Landschaft von nationaler Bedeutung"
Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft Schaffhausen, Nr. 31
- Hans Reinhard "Die Orchideen der Schweiz und angrenzender
Peter Gölz Gebiete" Ruedi Peter Fotorotar AG, Druck und Verlag, CH-8132 Egg
Hansruedi Wildermuth (1991)
- Hans Walter (1991) "Schaffhausen, botanische Kostbarkeiten der Umgebung"
Karl Augustin AG, 8240 Thayngen
- Andreas Keel "Pflegekonzept für das Schutzgebiet `Tannbüel`"
(Arbeit am Geobotanischen Institut der ETH Zürich)
Text: W. Vogelsanger - Forst- und Güterverwaltung - Stadt Schaffhausen